Liebe Lehrende, Mitglieder sowie Freundinnen und Freunde des Instituts für Islamische Theologie und Religionspädagogik,
mit dem Beginn des gesegneten Monats Ramadan öffnen wir unsere Herzen für eine Zeit der Besinnung und spirituellen Vertiefung. Ramadan ist mehr als nur ein Verzicht auf Nahrung – er ist eine Gelegenheit, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, unsere innere Haltung zu überprüfen und uns Gott näherzubringen. Diese Zeit des Fastens lädt uns ein, unser Leben in Einklang mit den göttlichen und kosmischen Prinzipien zu gestalten, unsere Gedanken zu reinigen und unsere Handlungen zu reflektieren. Der Koran erinnert uns daran: „O die ihr glaubt, euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es denjenigen vor euch vorgeschrieben war, damit ihr gottesfürchtig werdet“ (Sure 2:183). Diese Worte verdeutlichen, dass das Fasten uns helfen soll, unser Gottesbewusstsein zu vertiefen und achtsamer zu leben.
In diesem Jahr verlaufen der muslimische Fastenmonat und die christliche Fastenzeit fast vier Wochen lang zeitgleich. Beide Zeiten des Fastens bieten uns die Möglichkeit, über unseren Glauben nachzudenken, unser Leben zu reflektieren und uns in einer Haltung der Demut und Nächstenliebe zu üben. Diese Überschneidung erinnert uns daran, dass Fasten eine universelle Praxis ist, die Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander verbindet, um das Gute in sich selbst und der Welt zu fördern.
Das Fasten im Ramadan fördert nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Reinigung. Es hilft uns, uns von negativen Einflüssen zu befreien und die Verbindung zu Gott zu vertiefen. In dieser besonderen Zeit sind wir eingeladen, uns von unseren egoistischen Wünschen zu distanzieren und uns auf die spirituelle Dimension des Lebens zu konzentrieren. Der Ramadan erinnert uns daran, dass wir immer wieder neu beginnen können, uns zu verbessern und uns in der Nähe Gottes zu finden.
Neben der spirituellen Reinigung fördert das Fasten auch unsere soziale Verantwortung. Es sensibilisiert uns für die Bedürfnisse der Armen und Schwachen. In dieser Zeit werden wir aufgefordert, nicht nur unseren eigenen Wohlstand zu schätzen, sondern auch aktiv Anteil zu nehmen an der Not anderer. Das Fasten fördert ein Gefühl der Solidarität und des Mitgefühls, sodass wir bewusst Ressourcen teilen und für das Gemeinwohl eintreten.
Gerade angesichts der weltweiten Krisen und der zunehmenden Umweltproblematik zeigt uns der Ramadan die Bedeutung eines achtsamen Umgangs mit den Ressourcen dieser Erde. Wenn wir auf Nahrung und Wasser verzichten, können wir uns besser bewusst machen, wie kostbar diese Güter sind, die viele Menschen weltweit nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung haben. Der Ramadan erinnert uns daran, wie wichtig es ist, im Einklang mit der Natur zu leben, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und unseren Ressourcenverbrauch zu hinterfragen. In einer Zeit von Naturkatastrophen und Klimawandel sollten wir uns verstärkt für den Schutz unserer Umwelt einsetzen und auch im Ramadan Verantwortung für unseren Planeten übernehmen.
Fasten fördert nicht nur die Verbindung zu Gott, sondern auch die Liebe und das Mitgefühl für unsere Mitmenschen. Jimi Hendrix sagte einst: „Wenn die Macht der Liebe über die Liebe zur Macht siegt, wird die Welt Frieden finden.“ Diese Worte erinnern uns daran, dass wahre Stärke im Einklang mit der Liebe und dem Mitgefühl für andere liegt. Das Fasten, insbesondere die bewusste Einschränkung unserer Bedürfnisse und der Fokus auf das Wohl anderer, kann zu einer tiefen Menschlichkeit führen. Wenn wir uns in dieser Zeit von unseren eigenen Bedürfnissen zurücknehmen und die Not der anderen wahrnehmen, wächst in uns die Liebe zu unseren Mitmenschen – und dies kann eine Grundlage für echten Frieden sein. Das Fasten hilft uns, nicht nur in unseren spirituellen Praktiken, sondern auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen friedfertiger zu werden.
In einer zunehmend technologisierten Welt stellt uns der Ramadan auch vor die Frage, wie wir mit den digitalen Medien verantwortungsvoll umgehen. Der digitale Fastenansatz, wie er von meinem geschätzten Kollegen und Freund Prof. Dr. Ilhan Ilkilic empfohlen wird, legt nahe, dass wir uns bewusst von der ständigen Ablenkung durch soziale Medien, Nachrichten usw. distanzieren, um unsere Zeit mit unseren Familien und in sozialer Nähe zu verbringen.
Paramahansa Yogananda sagte einmal: „Die Welt ist voll von Menschen, die andere verändern wollen, aber nicht sich selbst. Wir müssen uns jedoch selbst kritisch und konstruktiv unter die Lupe nehmen, sonst bleiben wir Jahr für Jahr dieselben. Wichtig ist unsere eigene Wandlung zum Besseren: Wenn wir uns selbst gebessert haben, werden wir Tausenden durch unser Beispiel helfen können. Beispiele sprechen lauter als Worte.“ Diese Worte spiegeln den wahren Geist des Fastens wider: Es beginnt mit der eigenen Transformation. Durch die Selbstreflexion, die im Ramadan gefördert wird, können wir uns verbessern und so durch unser Beispiel einen positiven Einfluss auf die Menschen um uns herum ausüben. Der Ramadan fordert uns auf, uns selbst zu verändern, damit wir in der Lage sind, auch die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Diese Veränderung, die wir in uns selbst anstreben, hat das Potenzial, die Gesellschaft zu bereichern und eine Welle des Friedens und der Liebe zu entfachen.
Das Fasten lehrt uns auch, in schwierigen Momenten geduldig zu bleiben und unseren inneren Frieden zu bewahren. Es stärkt unsere Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und fördert eine Haltung der Demut und Dankbarkeit. Diese Zeit der Besinnung und des Verzichts gibt uns die Möglichkeit, unsere inneren Konflikte zu lösen und eine tiefere Verbindung zu unserer spirituellen Praxis zu finden.
Der Ramadan fordert uns heraus, unsere Perspektiven zu erweitern, unser Verhalten zu ändern und mehr Verantwortung zu übernehmen – sowohl für uns selbst als auch für die Gemeinschaft. Diese Zeit des Fastens sollte uns daran erinnern, dass wahre Reinheit nicht nur durch äußeren Verzicht entsteht, sondern durch die Veränderung unseres Herzens und unserer inneren Einstellung.
Möge uns dieser gesegnete Monat helfen, unsere Herzen zu reinigen, unsere Beziehung zu Gott zu stärken und unsere Verantwortung gegenüber anderen zu erkennen. Lasst uns diese Zeit nutzen, um inneren Frieden zu finden und aktiv zu einer besseren Welt beizutragen.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen gesegneten Ramadan, erfüllt von Barmherzigkeit, Frieden und der Nähe zu Gott.
Ramadan Mubarak wa-salam alaikum!
Abdullah Takim